AKTUELLES
Nachbarschaft gegen Gewalt mobilisieren
Hinsehen – Helfen – Hilfe holen –
Was Nachbarn tun können, wenn sie von häuslicher Gewalt erfahren...
Die eigene Wohnung bedeutet Schutz, Sicherheit und Geborgenheit. Für manche Frauen ist diese Geborgeheit jedoch zerstört.
Gewalt an Frauen in Deutschland ist in den meisten Fällen häusliche Gewalt. Das eigene Heim birgt das höchste Gewaltrisiko für Frauen. Häusliche Gewalt ist die häufigste Ursache für Verletzungen bei Frauen - häufiger als Verkehrsunfälle, Überfälle oder Vergewaltigungen. Die angezeigten Vorfälle sind nur die Spitze des Eisberges. Die meisten dieser Gewalttaten werden niemals angezeigt.
Anlässlich des 25. November – dem Internationalen Tag „Nein zu Gewalt gegen Frauen“ – gibt FiF-Mitarbeiterin Petra Ritter Handlungstipps bei häuslicher Gewalt in der Nachbarschaft oder im Freundes-/Kollegenkreis.
Was kann jeder einzelne gegen Gewalt tun?
Ritter: Ein wichtiger Beitrag gegen häusliche Gewalt ist es, wenn alle, die etwas beobachten, hören oder den Verdacht haben, angemessen darauf reagieren. Und da liegt auch schon eines der Probleme. Sehr viele der betroffenen Frauen schämen sich so sehr für das, was ihnen angetan wird und versuchen aus diesem Grund, so lange es irgend geht, das Geschehene zu verbergen. Wenn Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung nun ihrerseits unangenehm berührt wegsehen, bestätigt dieses Verhalten sie in ihrer Beschämung. Damit schließt sich der Kreis, sie werden evtl noch verzweifelter versuchen, den Schein nach außen zu wahren und werden damit noch angreifbarer.
Warum ist es so wichtig, dass die Nachbarschaft auf die Gewalt reagiert?
Ritter: Am Tatort „Wohnung“ sind nun mal die Nachbarn am nähesten dran. Mit Nachbarn meine ich aber auch z. B. Arbeitskolleginnen und Kollegen, also alle, die regelmäßig in Kontakt zu der betroffenen Frau stehen. So lange die Umwelt - also Nachbarn, Bekannte, Verwandte weghören, es also scheinbar hin nehmen, dass da ein Unrecht passiert, fehlt ein wichtiges Bindeglied im Hilfesystem. Die Täter bleiben unbehelligt, können weiter quälen und sich ihrer Verantwortung entziehen.
Was könnem Nachbarn konkret tun?
Ritter: Im Kontakt mit Betroffenen ist vor allem wichtig, ihnen freundlich gegenüber zu treten und Hilfsbereitschaft zu signalisieren. Schon der Hinweis „Ich würde Ihnen so gern helfen, sprechen Sie mich an, wenn ich etwas für Sie tun kann", bedeutet für die Frau, dass ihre Not gesehen wird und nicht ihr die Schuld gegeben wird. Niemand sollte sich aber enttäuscht zurückziehen, weil das gut gemeinte Angebot nicht gleich mit Dankbarkeit beantwortet wird, sondern auch künftig freundlich bleiben.
Dann ist es gut, die wichtigsten Informationen bereit zu halten: Rufnummern von Frauenhäusern und Beratungsstellen und von der Polizei. Gegebenenfalls sollten diese auch an die Betroffene weitergegeben werden, aber sie sollten der Betroffenen auch nicht aufgedrängt werden, sonst zieht die Frau sich zurück. Falls jemand Zeuge oder Zeugin von Gewalt wird, z.B. Schreie aus einer Wohnung hört, sollte er oder sie sich nicht scheuen, sofort die Polizei anzurufen.
Was hindert Kollegen oder Nachbarn daran, den Betroffenen Hilfe zu leisten?
Ritter: Hinderlich könnte die Angst sein, jemanden zu Unrecht zu beschuldigen oder zurück gewiesen zu werden. Die Angst, sich und die eigene Familie angreifbar zu machen, spielt eine große Rolle oder auch die Angst, sich etwas aufzubürden.
Was ist, wenn sich der Verdacht als falsch herausstellt – muss der Nachbar oder die Nachbarin dann mit Problemen rechnen?
Ritter: Im Normalfall nicht und grundsätzlich rate ich dazu, wenn der Anschein einer Gefahr besteht, kann und sollte unverzüglich die Polizei angerufen werden und zwar lieber einmal zu viel, als ein schreckliches Mal zu wenig. Es ist deren Aufgabe, sich ein Bild zu verschaffen und Hinweisen nachzugehen. Die Polizei setzt sich übrigens aktiv mit dem Problem der häuslichen Gewalt auseinander und wird ernsthaft besorgte Mitmenschen nicht auslachen.
Hilfswillige sollten sich außerdem deutlich klar machen, dass sie nicht helfen, wenn sie sich selbst in Gefahr begeben.
Welche Hilfen kann „Frauen informieren Frauen – FiF e.V.“ anbieten?
Ritter: Wir geben Nachbarn, Verwandten, Bekannten usw. Tipps, wie sie sich selbst verhalten können und wie sie der betroffenen Frau eine wichtige Stütze sein können. Alle, die sich in ihrem Handeln vergewissern wollen oder ganz individuelle Fragen haben, können sich gern an unsere Beratungsstelle wenden.
Von häuslicher Gewalt betroffenen Frauen bieten wir Informationsberatungen und psychosoziale Hilfe an. Wir beraten die Frauen bezüglich der Möglichkeiten des Gewaltschutzgesetzes und geben Informationen, welche Schritte sie einleiten müssen, wenn sie sich von ihrem Partner trennen wollen. Sicherheitsplanung ist ganz wichtig, das bedeutet, welche Schutzmaßnahmen können sie künftig treffen und zwar sowohl bei einer anstehenden Trennung als auch, wenn sie sich noch nicht in der Lage sehen, gehen zu können. Wir bieten Hilfen zur Angstbewältigung, verweisen auf die Angebote anderer Einrichtungen und vieles mehr. In Einzelfällen besteht die Möglichkeit der Begleitung, zum Beispiel zum Gericht.
Das Gewaltschutzgesetz ist 2002 in Kraft getreten. Hat sich seitdem einiges zum Positiven verändert?
Ritter: Um einiges voraus zu schicken: das Gesetz bzw. seine Umsetzung birgt noch so einige Tücken. Ich finde es aber ganz wichtig, dass mit diesem Gesetz das Bagatellisieren einer Straftat nicht mehr so ohne weiteres möglich ist, denn häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit!
Durch die Beteiligten des „Aktionsbündnis gegen häusliche Gewalt Nord- und Mittelhessen“ ist in und um Kassel in den letzten Jahren vieles ins Rollen gebracht worden. Frauenbeauftragte, Beratungsstellen, ÄrztInnen, Kliniken, RechtsanwältInnen, die Polizei und viele mehr beteiligen sich an diesem Bündnis. Es wurden fachspezifische Arbeitsgruppen gebildet, Fortbildungen organisiert, Wissen wird zusammengetragen und weitergegeben. Gerade die berufsübergreifende Zusammenarbeit und die Kooperation zwischen den verschiedenen Einrichtungen/Institutionen hat sich dadurch positiv verändert. Neue Angebote entstehen und einige der für die Betroffenen komplizierten Abläufe konnten dadurch vereinfacht werden. Damit ist das Thema aber leider noch lange nicht erledigt und es ist wichtig, alle ins Boot zu holen. „Frauen informieren Frauen – FiF e. V.“ arbeitet seit vielen Jahren dafür, dass aus Unwissenheit und Hilflosigkeit kein Unrecht und keine Verbrechen an Frauen und Kindern stumm geduldet werden.
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